Kampfsport als Mittel zur Gewaltprävention

 Lohbrügge (vg). Über 200 Kämpfe hat der Lohbrügger Ümit Kalkan in seiner langen Karriere ausgefochten. Doch das Gesicht des vierfachen Weltmeisters und amtierenden Europameisters im Taekwondo ziert nicht ein einziger Kratzer. 

 

"Es kommt halt ganz darauf an, wie man in einen Kampf geht", erläutert er, "wenn ich aggressiv da ran gehe, brauche ich mich nicht zu wundern, wenn eine entsprechende Antwort kommt. Ich studiere meine Gegner und nutze dann meine Erfahrung für die eine, entscheidende Aktion." Rund 90 Prozent seiner Duelle hat Kalkan durch K. o. gewonnen. "Psycho" haben sie ihn früher in Taekwondo-Kreisen gerufen, weil er sich Striche für jeden einzelnen K.-o.-Sieg auf den Wams malte, so dass seine Gegner gleich sehen konnten, mit wem sie es zu tun hatten.

 

Im DIMA Sport-Center gibt er nun seine Erfahrungen an Jugendliche weiter. Hier erleben wir eine ganz andere Seite des 37-Jährigen: Behutsam, mitfühlend, geduldig, aber stets mit einer klaren Linie trainiert er dreimal pro Woche den Taekwondo-Nachwuchs. Das Altersspektrum reicht von Kalkans dreijähriger Tochter Selin bis zur 14-jährigen Jugend-Vize-Europameisterin Alisha Shanice. Kalkan, der auch die türkische Nationalmannschaft betreut, macht jede Übung vor, gestikuliert, feuert an. Dabei geht es spielerisch zu. Der Nachwuchs soll seinen Bewegungstrieb ausleben können.

 

So wie der siebenjährige Tyson aus Lohbrügge. "Wir haben zuerst im Internet Videos geschaut, was ihm gefallen könnte", erzählt seine Mutter Conny Libuschewski, "er war ganz scharf auf Taekwondo, denn da kann man mit Händen und Füßen bis zu vier Bretter gleichzeitig zerschlagen." So weit sind die Jugendlichen in der Gruppe natürlich noch lange nicht, aber darum geht es Kalkan auch gar nicht. "Ich vermittele Werte", betont er. Disziplin zum Beispiel. Kehrt Kalkan seiner Gruppe mal den Rücken, übernimmt automatisch Blaugurt Alisha als die Ranghöchste im Kursus das Kommando, und alle parieren auch bei ihr aufs Wort. So entstehen keine störenden Pausen im Training, alle sind permanent bei der Sache.

 

Gewaltprävention, Integration und die Stärkung des Selbstbewusstseins sind die obersten Ziele von Kalkans Training. Sein Konzept möchte der Inhaber einer Druckerei und Werbeagentur gerne ausbauen, Kampfsport zu einem festen Bestandteil des Schulsports machen, doch die Resonanz ist bisher noch zögerlich. Einmal hat Kalkan auch Kinder aus der Nachbarschaft zu einem Selbstbehauptungstraining eingeladen. "Dabei ging es darum, dass Kinder sich nicht wehren, sondern weglaufen und laut schreien sollen, wenn sie von Erwachsenen attackiert werden", erläutert er, "viele waren schüchtern, aber ich habe nicht locker gelassen, bis alle laut geschrien haben."

Solche Übungen können befreiend auf die Entwicklung von Jugendlichen wirken. "Mein Sohn Tyson ist schon viel selbstbewusster geworden, seitdem er hier trainiert", bilanziert Conny Libuschewski, "aber was das Schönste ist: Am Abend nach dem Training schläft er wie ein Baby und fragt schon am nächsten Tag, wann er endlich wieder hin darf."

Wer sich auch mal im Taekwondo versuchen möchte: Trainiert wird dreimal pro Woche, dienstags und donnerstags von 17.30 bis 19 Uhr sowie sonnabends von 16 bis 18 Uhr im DIMA Sport-Center (Havighorster Weg 16) in Lohbrügge. Im Rahmen des heutigen Tags der offenen Tür des Boxstalls Universum (11.30 bis 15 Uhr, DIMA) gibt die Gruppe eine kleine Vorführung.

Bergedorfer Zeitung, 17.12.11 ,  Taekwondo